Wahre Alchemie


Heute werden jene Männer belächelt, die sich im Mittelalter als Alchemisten betätigten. Oft zu Unrecht!
Denn immerhin entstand aus der Alchemie die moderne Chemie. Diejenigen, die sich als die "wahren" Alchemisten bezeichneten, beschäftigten sich ohnehin nicht mit der profanen Kunst, aus irgendwelchen bedeutungslosen Stoffen Gold oder Edelsteine zu machen.
Herbert Silberer, der mit Sigmund Freud befreundet war, behandelte am Anfang des 20. Jahrhundert sehr eingehend diesen Fragenkomplex. Sein Werk "Probleme der Mystik und Symbolik" gewährt Einblicke in die Denkweise der Hermetiker, Alchemisten und frühen Freimaurer.
Ein geflügeltes Wort unter den damaligen Alchemisten, die sich hermetische Meister oder ähnlich nannten, war: "Unser Gold ist nicht von dieser Welt."
Herbert Silberer macht darauf aufmerksam, daß die hermetischen Autoren Texte schrieben, die ans Gemüt gehen.Sie wurden nicht müde, ihren Jüngern einzuschärfen, daß der Glaube, das Bibelwort und die Frömmigkeit die wichtigsten Requisiten für den alchemistischen Prozeß seien. Anders die "Sudelköche": Ihr Trachten war es, die geeigneten Öfen, Retorten Kessel und Pfannen zu beschaffen. Der schnelle Erfolg und damit viel Geld und Gold, das war ihr Bestreben.
Die sogenannte Smaragdtafel (Tabula Smaragdina)war das wichtigste Werk der Alchemisten. Der Verfasser blieb unbekannt. In dem Werk hieß es u. a.: "Das Untere ist wie das Obere und das Obere ist wie das Untere, zur Vollbringung (Durchdringung) der Wunderwerke eines Dinges....
Scheide die Erde vom Feuer, das Feine vom Groben, sanft und gar verständig."
Weiter war von der Sonne die Rede. Sonne und Gold waren zu dieser Zeit identische Begriffe.
Das eine Wörtchen Gold genügte, um zahlreiche Menschen blind zu machen für alles das, was in der Tabula Smaragdina sonst noch enthalten sein mochte. Die gierige Menge der "Sudler" fiel auf das Wort Gold herein und für sie galt nur noch eins: Die Suche nach dem Goldrezept.
Die lauteren Geister unter den Alchemisten aber sahen die Dinge anders. Für sie stand der Mensch im Mittelpunkt aller alchemistischen Prozesse. Er und sein Handeln sollten im Einklang gebracht werden mit der Natur und mit Gott. Der Autor Hitchcock beschreibt das so: "Obgleich die Menschen verschiedene Anlagen und Temperamente haben, obgleich einige englisch, andere teuflisch sind, bestehen die Alchemisten mit St. Paulus darauf, daß die Menschen aller Völker eines Blutes seien; das heißt einer Natur. Und just dasjenige in den Menschen, wodurch sie einer Natur sind, das ist's, woran die Alchemie arbeitet, um es zum Leben und zur Aktivität zu bringen; das ist's, was die Menschheit zu einem Bruderbund machen würde, wenn es universell in Wirksamkeit träte."
Es ist kein Zufall: die hier von Hitchcock dargelegten Gedanken kennen wir bereits. Es waren die Bauleute, die am Jacobsweg nach Santiago de Compostela ihre Kirchen bauten und ihre Nachfahren, die so dachten.
"Obgleich die Menschen verschiedene Anlagen und Temperamente haben, obgleich einige englisch, andere teuflisch sind, bestehen die Alchemisten mit St. Paulus darauf, daß die Menschen aller Völker eines Blutes seien, das heißt einer Natur."
Gedanken, die viele Jahrhunderte zuvor der Apostel Paulus in ähnlicher Form niederschrieben hatte und die aufgegriffen wurden von Menschen, die spürten: "Dahinter ist noch etwas! Wir wollen es ergreifen!"
Weitere Informationen zu diesem Thema entnehmen sie bitte http://www.asamnet.de/~muennicg/silb/silb11.htm