Die Gralslegende


Wolfram von Eschenbach, ein deutscher Adeliger, dichtete um 1200 das Epos "Parzifal", in dem er die Gralslegende und die Artussage vermengte. Vor ihm hatten das bereits andere Dichter gemacht, wie etwa Cretien von Troyes.
Es ist nicht möglich festzustellen, was im Parzifal aus französischer Vorlage und was aus eigenen Ideen Wolframs stammt. Er kannte offensichtlich das Werk Cretiens von Troyes sehr genau. Seine Fassung stimmt mit der des letzteren überein; selbst viele Einzelheiten werden von beiden in der gleichen Art und Weise erzählt. Es gibt allerdings auch gravierende Unterschiede in beiden Werken: Wolfram hat den Inhalt von fünf seiner sechzehn Bücher vor Cretien voraus, nämlich eine Vorgeschichte, die von Parzifals Vater erzählt und den letzten Teil des bei Chretien unvollendet gebliebenen Romans. Wolfram von Eschenbach beruft sich auf einen bestimmten Gewährsmann, einem Sänger aus der französischen Provence mit Namen Kyot. Dieser habe, so sagt Wolfram, die Geschichte von Parzifal und dem Gral "richtiger" erzählt. In der Literaturgeschichte ist allerdings Kyot als Dichter oder Sänger unbekannt geblieben. Wolfram nennt ihn erst vom achten Buch an, obwohl er sich vorher des öfteren auf die Quelle seiner Erzählung, die "aventuire",beruft.
Speziell in den Abschnitten und Büchern, die Wolframs Dichtung der des Cretien voraus hat, finden sich mancherlei deutsche und lateinische Namen. Hier zeigt sich auch allerhand theologisch-mystische Weisheit, wie er sie in seinem anderen Werk "Willehalm" selbständig in die Erzählung einbringt. Es ist sicher, daß in den Teilen der Dichtung, in denen Wolfram mit Cretien nicht übereinstimmt, seine selbständige Erfindung, Kombination und Ausgestaltung wesentlich mit im Spiel ist. Zu diesen gehören vor allem die Passagen, die für den ideellen Gehalt des Epos die größte Bedeutung haben.
Wie Wolfram die Parzifalsage geistig zu durchdringen sucht, zeigt sich in der Einleitung: Der Zweifel, das Verzagen an Gott, so beginnt er sein Werk, ist ein schlimmer Feind der Seele. Wo er auftritt neben unverzagtem Mannesmut, da haben Himmel und Hölle beide ihren Anteil, Schwarz und Weiß mischen sich dort;
während der "Unstete", der Treulos-Unbeständige, in finsterster Farbe ganz der Hölle, der "Stete", der Treu-Beständige, in voller Lichtfarbe ganz dem Himmel angehört.
Wolfram hat die Geschichte des Seelenlebens seines Helden im Sinn, der eine Zeitlang an Gott irre, ja geradezu sein Feind wird, aber dennoch das Ziel, das er sich gesteckt hat, ohne zu wanken und mit ritterlicher Tapferkeit in unverzagtem Mannesmut verfolgt. Parzifal ist in dieser Beziehung der "Stete ("staete"), da er aber von Gott abfällt, wird er zum anderen, zum "Unsteten". Dann erst, wenn dieser Makel einst getilgt sein wird, wird ihm die höchste Vollkommenheit beschieden. Hiermit sind die wichtigsten Wendemarken im Leben des Parzifal aufgezeigt. Gleichzeitig bilden diese beiden Punkte den berühmten roten Faden, der durch die überaus verschlungenen und vielfältigen Pfade der Erzählung führt.
Das große Epos ist angefüllt mit dem Reichtum des vorgegebenen Stoffes. Ihn irgendwie einzuschränken, um bestimmte Gedanken besser zur Geltung bringen zu können, fällt dem Dichter nicht ein. Im Gegenteil: man spürt vielmehr seine Vorliebe und Freude an der dichterischen Gestaltung der entsprechenden Situationen und Charaktere als solche und je bunter und bewegter das Bild des ritterlichen Lebens und Treibens wird, das er dem Leser vor Augen führt, um so mehr scheint es ihm zu gefallen.Er verwendet zwei ganze Bücher auf die Vorgeschichte, die Helden- und Liebesabenteuer von Parzifals Vater, Gahmuret von Anjou, der sich im fernen Morgenland zu Zazame als hilfreicher Kämpfer für die schöne Mohrenkönigin Belakane deren Hand erstreitet,dann aber sie, die von ihm einen Sohn erwartet, verläßt,um weiteren Abenteuern nachzujagen. Aus einem Turnier,dessen Preis die Hand der Königen Herzeloyde von Waleis, einer Enkelin des Gralskönigs Titurel, ist, geht er als Sieger hervor. Aber der alte Drang nach ritterlichen Taten läßt ihn nicht lange das Glück seiner Ehe genießen;im Dienst des Kalifen von Bagdad findet er den Tod auf dem Schlachtfeld, und in den Tagen des Kummers über die Trauerbotschaft gebiert Herzeloyde den Helden der Erzählung. Um nur noch dem Schmerz und der Sorge für den Sohn zu leben, gibt die Treue den Glanz des Königtums auf und flüchtet sich mit dem kleinen Parzifal in die Waldeinsamkeit. Dort will sie ihn aufziehen, fern von der Kenntnis all des ritterlichen Treibens, das seinem Vater den frühen Tod gebracht hat.
Doch die Fürsorge der Mutter bringt nicht den gewünschten Erfolg. Auf einem seiner Jagdgänge begegnet dem jungen Parzifal ein Ritter in prächtig glänzender Rüstung; Parzifal hält ihn für den lichten Gott, von dem ihm seine Mutter berichtet hat und anbetend sinkt er vor diesem nieder. Der Fremde läßt ihn aufstehen und klärt ihn dann über das Rittertum auf. König Artus, so sagt er,verleihe den dazu Berufenen die Ritterwürde. Nun gibt es kein Halten mehr für den jungen Mann: er will an Artus'Hof. Die Mutter versucht verzweifelt, ihn von dem Entschluß abzubringen. Doch es ist vergebens. Dann ersinnt sie eine List. Sie steckt den Sohn in Narrenkleider und hofft, der Spott der Leute werde ihn ihr wieder zurückbringen. Dennoch gibt sie dem Heranwachsenden einige gute Lehren mit auf den Weg. Der junge Parzifal stürmt gutmütig-täppisch wie ein junger Jagdhund in die Welt hinaus.Aber trotz aller Unbeholfenheit erkennt man seine aufrechte, großherzige und starke Heldennatur und obwohl er die Kleidung eines Narren trägt, verraten sein schönes Antlitz und seine edle Gestalt eine höhere Berufung.
Wolfram versteht es ausgezeichnet, den Charakter des Mannes mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit allein durch eine Handlungen und Erlebnisse zu schildern - oft mit ergötzlichem Humor versetzt. Ohne Absicht, ohne
jemandem etwas Übles zu wollen, richtet der junge Held überall Unheil an, über das er erst später aufgeklärt wird. So verursacht er ahnungslos durch sein Davongehen den Tod seiner Mutter: der Trennungsschmerz bricht ihr das Herz. In allzu wörtlicher Ausführung der mütterlichen Lehren raubt er einer hochgestellten Frau Kuß und Ring und wird dadurch wiederum unbewußt Ursache für schwerste Verdächtigungen und härteste Prüfungen. Auch die erste Waffentat mißlingt gründlich. Er tötet, ohne Böses dabei zu denken, in einer den Gesetzen des Rittertums entsprechenden Weise einen edlen Herren,Ither. Wie er später erfährt, ist dieser ein Blutsverwandter von ihm. Endlich trifft Parzifal auf den erfahrenen Ritter Gurnemanz, der ihn auf seine gastliche Burg einlädt. Die Tochter seines Lehrers, Liaze, erregt neue, bisher unbekannte Gefühle in ihm, aber sein Tatendrang ist mächtiger und so zieht er, Abenteuer suchend, weiter. Er erwirbt sich durch seine ersten Heldentaten, die einem guten Zweck dienen, die Gunst und schließlich die Hand der Königin Condwiramur. Er befreit sie aus der Hand übermächtiger Feinde, wirbt um ihre Hand und erhält sie samt dem Königreich Pelrapeire. Ihre Liebe geleitet den jungen, immer noch ungestümen Mann wie ein Schutzgeist durch die nachfolgenden Gefahren. Parzifal ist ruhelos wie zuvor. Die Sehnsucht, endlich seine Mutter iederzusehen, treibt ihn fort. Er kommt,ohne deren Geheimnisse zu kennen, auf die Burg Montsalvage (Munsalväsche). Dort erlebt er das erste Mal den Gralkult. Doch ohne innere Anteilnahme zieht er von dannen; ohne sich nach der Ursache für das Leiden des Königs Anfortas zu erkundigen. Wolfram beschreibt die Situation recht anschaulich: Parzifal gelangt abends an einen See, wo er Fischer nach einer Herberge fragt. Sie weisen ihn nach einer nahegelegenen Burg, in der der eintreffende Gast mit blendendster Pracht empfangen wird.
In einem herrlichen Saal, der von hundert Kronleuchtern erhellt und von Aloeholzfeuern mit wohlriechender Wärme erfüllt wird, sitzen vierhundert Ritter im Kreis um ihren königlichen Herrn.
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