Eine stahlblanke Pforte öffnet sich und läßt einen schimmernden Zug hereintreten. Voran gehen zwei edle Jungfrauen, in Scharlach gekleidet, goldene Leuchter tragend, ihnen folgen acht in grünem Samt, welche eine Tischplatte von durchsichtigem Granatstein tragen. Wiederum sechs andere tragen verschiedenes Silbergerät,und abermals sechs geleiten die Königin, die wunderschöne Repanse de Schoye, die in arabischem "Pfellel" gekleidet ist und auf einem grünen Kissen von "Achmardi" den Gral trägt, den sie vor den König niedersetzt. Eine prächtige Mahlzeit hebt an, aber es will keine Freude aufkommen. Der König selbst sitzt auf einem Spannbett, in kostbares Pelzwerk eingehüllt, wundensiech und traurig an der Tafel, und in dem Nebenzimmer sieht Parzifal einen schneeweißen Greis ebenfalls auf einem Spannbett ruhen. Ein Knappe trägt eine bluttriefende Lanze durch den Saal und bei ihrem Anblick bricht allgemeines Wehklagen aus. Verwundert bemerkt Parzifal das alles, aber eingedenk der von Gurnemanz empfangenen Lehre, keine vorwitzigen Fragen zu stellen, unterläßt er es, sich nach der Bedeutung der Mysterien zu erkundigen. Hätte er dies getan, so würde er erfahren haben, daß der schneeweiße Greis sein eigener Urgroßvater, der alte Gralkönig Titurel, daß die jungfräuliche Königin die Schwester seiner Mutter und der wunde König Anfortas sei, welchen er eben durch seine Frage von seiner Siechheit hätte heilen können. Doch Parzifal läßt die Gelegenheit ungenutzt verstreichen, wie so oft im Leben, wenn wir durch weltliche Klugheit dazu angeraten werden, unsere wahren Gefühle nicht zu zeigen. Er wird zwar anschließend noch mit allem Prunk ritterlich-romantischer Gastfreundschaft zu Bett gebracht, aber bei seinem Erwachen am nächsten Morgen erfüllt menschenleere Öde die seltsame Wunderburg, und als er, von unheimlichen Gefühlen ergriffen, davonzieht, wirft ihm ein Knappe von der Burgmauer höhnisch seine alberne Verschlossenheit vor. Kurz danach trifft er auf seinem Weg auf ein Mädchen,welches den Leichnam seines toten Bräutigams jammernd im Arm hält. Dies ist ebenfalls eine für ihn unbekannte Verwandte, seine Pflegeschwester Sigune, die Geliebte des Schionatulanders. Sie unterrichtet ihn, wie sehr er durch sein Schweigen dem Gral und dessen Hütern gegenüber gefehlt hat, und sie weist ihn weit von sich.Den wie im Traum Weiterreitenden mahnen drei Blutstropfen im Schnee an seine Gattin Condwiramur,denn zwei Tränen befanden sich bei seinem Abschied auf ihren Wangen und eine perlte auf ihrem Kinn. An derselben Stelle, wo diese drei Blutstropfen waren, sollte er, aber erst nach Jahren, seine geliebte Frau und die inzwischen von ihr geborenen Zwillingssöhne wiederfinden. Einstweilen jedoch besteht er wie im Traum einige Kämpfe, wird dann von Gawan aufgefunden und an den Hof des Königs Artus gebracht, der ihn höchst ehrenvoll empfängt und zum Mitglied der Tafelrunde machen will. Aber die Freude an weltlicher Ritterschaft wird ihm verleidet durch das Erscheinen der Zauberin Cundrie, welche vom Gral abgesandt wurde, um den Helden seines Nichtfragens wegen zu verfluchen. Parzifal hält die Tafelrunde durch seine Gegenwart für geschändet und zieht weiter, an sich selbst und an Gott verzweifelnd. Während Wolfram die Angelegenheit so darstellt, daß der Held Parzifal die alles entscheidende Frage dahingehend stellen soll, wie das Leiden des Königs Anfortas entstanden sei, reduziert sie Cretien lediglich auf die Wunder des Grals.Wolfram hat dadurch dem rein märchenhaften Motiv der Sage eine sittliche Bedeutung gegeben. Indem sein Held in der besten Absicht die Regeln seines Lehrmeisters befolgt,hat er über die höfische Etikette das rein Menschliche vergessen, nämlich Mitgefühl zu äußern. Sich selbst keiner Schuld bewußt, verhindert die Tücke des Geschicks, das ihm zwar der reiche Lohn vor Augen geführt, die Auszahlung desselben aber verweigert wird. Der junge Parzifal ist zu unerfahren, um sich standhaft gegen das Wechselbad der Gefühle erwehren zu können. Der jähe Wechsel von Ehre und Schmach erschüttert sein Innerstes und so schließt er sich selbst als ein in der Ehre Geschändeter von der Tafelrunde des Königs Artus aus. Er glaubt, diese Schande nur dadurch tilgen zu können, daß er aus eigener Kraft den Gral erringt. An Gott ist er irre geworden. Man verweist ihn auf Gottes Beistand, doch sein Herz wehrt sich dagegen. Er ruft aus: "Weh, was ist Gott? Hätte der tatsächlich wirkende Macht, so hätte er diesen Spott nicht über mich kommen lassen. Ich hab' ihm gedient, jetzt sag' ich ihm auf; haßt er mich, ich will's ertragen." - Eine allzu menschliche Regung, die jeder von uns kennt. Sind wir nicht oft genug selbst so verzweifelt? Der offene Bruch Parzifals mit Gott läßt den altgermanischen, ganz auf sich selbst gestellten Heldentrotz wieder aufleben. Er fehlt der ursprünglichen französischen Dichtung. Zerbrochen an Gott und doch voller Lebensmut, in der Verfassung, auf die die Einleitung hinwies, zieht Parzifal weiter, jahrelang. Sein Weg führt über Land und Meer, er kämpft und sucht und ist gleichzeitig erfüllt von dem Verlangen nach dem Gral und der übermächtigen Sehnsucht nach seiner Gattin, die er aber erst wiedersehen will, wenn er das Kleinod gewonnen hat.So macht er sich erneut auf, den Gral und seine Frau unablässig zu suchen. Endlich findet Parzifal, der zwischen trotziger Skepsis und heißem Durst nach der Quelle des Heils, wie sie dem Gral entfließt, schwankt, im wilden Wald seine Schwester Sigune als Klausnerin wieder. Sie weist dem Irrenden den Weg nach Montsalvage, den er aber schon bald wieder im Dickicht verliert, ein Hinweis darauf, daß seine innere Heimkehr,die der äußerlichen vorangehen muß, noch nicht vollzogen ist. Die völlige Bekehrung Parzifals wird vollbracht in der Klause des Einsiedlers Trevrizent, der sich als sein Oheim zu erkennen gibt. Hier erhält Parzifal endlich die entscheidenden Aufschlüsse über den Gral wie über seine eigene Mission. Trevrizent teilt dem Neffen mit, wie er selbst, obgleich dem Titurelschen Gralkönigshaus entsprossen, auf die Würde eines Gralspflegers Verzicht geleistet, weil er sich derselben unwürdig gefühlt hätte,ferner, wie sein Bruder Anfortas, der jetzige Gralkönig, seine hohe Bestimmung durch allzu eifrige Hingabe an weltliche Minne seine Ehre beinträchtigte, daß er deshalb im Streit überwunden worden sei, und jetzt sein sieches Leben dahinschleppe, bis irgendwann, wie eine weissagende Inschrift am Gral vorhersage, ein Ritter kommen werde, der nach dem Geheimnis des Grals und nach den Leiden des Königs fragen und sich gerade dadurch als den bezeichnen würde, dem Anfortas das Königtum übergeben sollte. Nun erst ergreift Parzifal tiefe Reue über sein verkehrtes Benehmen im Schlosse des Grals, und nur Trevrizents Trost, daß Gott dem demütig Bereuenden stets wieder seine Gnade zuwende, flößt ihm neues Vertrauen ein. So macht er sich auf, den Gral und seine Gattin Condwiramur unablässig zu suchen. Der Held scheidet von dem Einsiedler innerlich gereinigt und gleichzeitig getröstet durch den frommen Mann. Für die Zeit der Abwesenheit übernimmt Gawan, der glänzendste der Artusritter, mit seinen Helden- und Liebesabenteuern die Führung der Handlung, ohne daß dabei Parzifal ganz aus dem Gesichtskreis fällt. Der Dichter führt uns in den bunten Abenteuern, welche der unerschrockene Gawan zu bestehen hat, die glänzendste Seite des weltlichen Rittertums vor. Gawan erringt sich ein Weib, Orgeluse, "die Stolze", deren dämonische Schönheit dem Anfortas sein trauriges Geschick, zahlreichen Helden den Untergang im Kampfe für sie bereitet hat. Nur ein Einziger widersteht ihr: Parzifal. Er stellt ihren Verlockungen die Treue zu seiner Gattin gegenüber. Dem tapferen Gawan gelingt es, sich das glänzende Wunderschloß, in dem der Zauberer Klinschor Hunderte von Frauen gefangen hielt, an sich zu reißen. Parzifal war achtlos an diesem Schloß vorbeigezogen, stets nur nach dem Gral forschend. Weiter bei Gral III
Parzifal im Kreise der Tafelrunde, in der die Hochzeit des König Gramoflanz mit Itonje, die Schwester des Gawan, gefeiert wird. Artus, Gramoflanz und Parzifal sind durch Spruchbänder ausgezeichnet.