Gral III


In der langen Reihe seiner Heldentaten muß Gawan noch den Kampf gegen Orgelusens Feinde bestehen. Zuvor zeigt ihm Parzifal seine Überlegenheit, das heißt Wolfram von Eschenbach stellt bildhaft die geistige Rüstung Parzifals über die weltliche des Gawan. Weil das Göttliche denn doch nicht allein durch ein tatenloses Gedankenleben errungen wird, muß es sich fügen, daß Parzifal den Inbegriff des Rittertums, Gawan, im Zweikampf überwindet.
König Artus nimmt Parzifal anschließend wieder mit größten Ehren in seine Tafelrunde auf. Die Gralsbotin Cundrie kündigt ihm seine Bestimmung zum Gralkönigtum an. Er zieht nach Montsalvage, heilt durch seine Fragen seines Onkels Leiden, nimmt von dem Heiligtum Besitz und herrscht mit der wiedergefundenen Gattin als ein gerechter König des Grals. Als Epilog gleichsam ist noch die Erzählung der Abenteuer von Parzifals älterem Sohn Lohengrin beigefügt, welche die uralte Schwansage in den Artus-Gral-
Sagenkreis miteinbezieht.Der Gral ist nach Wolframs von Eschenbach Darstellung ein Edelstein mit wunderbarer Kraft. Vormals bewahrten ihn Engel auf, die bei dem Kampf Luzifers gegen Gott neutral geblieben waren, jetzt aber wird er von besonders auserwählten Menschen gehütet.
Seine ursprüngliche Beziehung zur wirklichen und symbolischen Opferung des Leibes Christi verrät sich bei Wolfram nur noch darin, daß eine Oblate, welche an jedem Karfreitag durch eine Taube vom Himmel auf ihn herniedergetragen wird, seine übernatürlichen Kräfte immer wieder erneuert, die angenehme Eigenschaft nämlich, unerschöpflich Speise und Trank zu spenden und jeden, der ihn von Zeit zu Zeit anschaut, am Leben zu erhalten. Aber nicht nur ein irdisches Wunschleben ist denen beschieden, die von Gott zum Gral ausersehen werden. Die Brüderschaft der Templeisen hat in Keuschheit, Demut und ritterlicher Tapferkeit das Heiligtum zu hüten.
Wie ich an anderer Stelle bereits ausführte, hatten Wolfram und früher Cretien bei der Beschreibung der Tempelbrüderschaft das Vorbild des geistlichen Ordens der Tempelritter im Auge. Denn auch sie leisteten ja einen Eid, der Keuschheit, Demut, Tapferkeit und ähnliches von ihnen forderte. Zu Cretiens Zeit entwickelte sich der Orden der Tempelritter zu einer beherrschenden Macht. Sein Reichtum galt als sagenhaft.
Charakteristisch ist, daß die Gralsbrüderschaft alles Mönchische abgestreift hatte. Genauso wie die Knaben werden auch die Mädchen durch eine jeweilig auf dem Gral erscheinende Inschrift von Gott berufen. Sie wachsen mit jenen in der Gralsburg auf und dienen mit ihnen in dem Heiligtum, bis sie etwa einem besonders würdigen Fürsten zur Frau gegeben werden. Die Ritter sind zwar ehelos, so lange sie dem Gral dienen, aber nicht selten kommt es vor, daß einer von ihnen in ein herrenloses Land gesandt wird, um dort die Herrschaft zu übernehmen; dann hört das Zöllibatsgebot auf. Das gemeinsame Oberhaupt aller, der Gralkönig selbst, soll ein eheliches Weib haben, dem er in Treue ergeben ist. Über ihm steht niemand als Gott allein, der der Gemeinschaft des Grals seinen Willen durch Inschriften bekundet, die auf dem heiligen Gral erscheinen.
Mit märchenhafter Herrlichkeit umgeben, aber in ernster Pflichterfüllung und rein von Sünde, so führen die Angehörigen dieses Ordens schon auf Erden ein seliges Leben, bis sie schließlich in das himmlische Paradies eingehen. Wolfram von Eschenbach läßt seine Erzählung damit enden, daß der Heide Feirefiz, ein Halbbruder Parzifals, sich taufen läßt und sich mit Anfortas Schwester,Repanse de Schoye, der bisherigen jungfräulichen Pflegerin des Grales, vermählt. Er geht mit ihr nach Indien und begründet die Dynastie der christlichen Priesterkönige, die dort nach allgemeiner Vorstellung des Mittelalters alle unter dem einen forterbenden Namen des "Priesters Johannes" lebten: im Grunde ein orientalisches Gegenbild des abendländischen Gralkönigtums.
Der Autor Johannes Scherr schrieb um 1850 folgendes:
"In der Beschreibung des Graltempels hat die mittelalterliche Romantik ein Prunkstück geliefert, welchem, wie ich glaube, nur etwa einiges in Dantes 'Paradiso' nahekommt." -
Aber es ist nicht allein die Romantik, die das Epos so wertvoll macht. Es sind die metaphorischen Bezüge und die tiefe Esoterik, die darin zum Ausdruck kommen." -
Wolfram von Eschenbach schildert uns den Standort des Gralstempels und seiner Burg als den Berg Montsalvage, der inmitten eines dichten Forstes (im Süden Frankreichs)liegt. Auf dem Gipfel des Berges stieg in der Mitte einer hunderttürmigen Burg der Phantasiebau des Tempels in die Lüfte. Auf einem Fundament aus Onyx wölbte sich eine Rotunde, welche genau hundert "Klafter" im Durchmesser hatte und von zweiundsiebzig achteckigen Kapellen eingefaßt war. Über diesen erhoben sich sechsunddreißig Türme, sechs Stockwerke hoch, deren jedes drei Fenster hatte und die mittels einer von außen sichtbaren Spindeltreppe verbunden waren. Über die Rotunde stieg ein doppelt so hoher und weiter Turm empor, über ehernen Säulen sich wölbend. Die Gewölbe bestanden aus Saphir und darin war in der Mitte immer ein Smaragd eingelassen, der in Emaille das Lamm mit der Kreuzesfahne zeigte. Überhaupt waren alle Arten von Edelgestein in den Ornamenten in verschwenderischer Pracht angebracht. Im Gewölbe der Kuppel war die Sonne in Topasen, der Mond in Diamanten nachgebildet, so daß das Innere des Tempels auch nächtlicherweise in hellem Licht erstrahlte. Die Fenster bestanden aus Kristallen, unter welchen alle Tiere der See aus Onyx nachgebildet waren, als ob sie in ihrem Element lebten. Aus ungeheuren Saphirsteinen waren die Altartische gemeißelt und grüne Samtdecken lagen auf ihnen: Auch die Türme bestanden aus edlem, mit Gold geadertem Gestein, und Platten roten, mit blauem Schmelzwerk verzierten Goldes bildeten ihre Bedachung. Jeden der Türme krönte ein kristallenes Kreuz,und auf diesem saß ein Adler aus Gold mit ausgebreiteten Fittichen. Ein riesiger Karfunkel zierte den Hauptturm als Knopf, und diente, in der Nacht hin weitleuchtend, den Templeisen als Wegweiser.
Der heilige Gral selbst wurde in einem Sakramentshäuschen aufbewahrt, welches, den ganzen Bau des Tempels im Kleinen wiederholend und überschwenglich kostbar geschmückt, unter dem Gewölbe der Hauptkuppel stand. In diesem Tempel und in dieser Burg blühte der Gralsdienst jahrhundertelang, bis die überhandnehmende Gottlosigkeit der westlichen Christenheit diese unwürdig machte, das wundersame Heiligtum in ihrer Mitte zu haben, weswegen es dann samt seinem Tempel von Engeln emporgehoben und durch die Luft gen Osten getragen wurde in das Land des Priesterkönigs Johannes, welches im späteren Mittelalter bekanntlich für die Heimat aller Tugenden und aller Glückseligkeit galt." -
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