Gral V


Wirrwarr. Ein ähnliches Leben, wie es hier gekennzeicfhnet ist, lebte am Anfang auch Parzifal.
Er ist frei und ungezwungen, aber alle seine Taten mißlingen gründlich, alles bringt er durcheinander, bis später Sigune und Trevrizent durch ihren Rat Ordnung in sein Leben bringen. Dieser Teil seines Lebens ist demnach schon vorgegeben durch seine Abstammung von Frimutel, der sicherlich ein wildes Leben führte, wie später sein Nachfahre Gahmuret. Frimutels Art stellt ist der seiner Gattin entgegengesetzt, wie wir bei der nächsten Namensdeutung fesstellen werden.
In dem Epos ist die Rede davon, daß Frimutel aus Mazadan stamme. "maze" heißt im Englischen soviel wie
Irrgarten. Es bezeichnet also auch wieder so etwas wie Wirrwarr. Das Land des Frimutels konnte nur ein Irrgarten sein, denn es war heidnisch und Heiden konnten nach damaliger Vorstellung nicht in einer wirklichen Ordnung leben, schon gar nicht in einer göttlichen.
Dieses Spannungsverhältnis durchzieht wie ein roter Faden das gesamte Epos. Erst, als beispielsweise Feirefiz zum
Christentum bekehrt wird, hört diese Spannung auf. Er befindet sich jetzt auf dem rechten Weg und kann in den
Paradiesesgarten nach Indien gehen und dort die Generation der Priesterkönige begründen.
Möglicherweise löst das hier Gesagte auch ein anderes Problem: Vor allem in den gotischen Kirchen befand sich
oft - meist im hinteren Teil - ein Irrgarten, ein Labyrinth.
Es ähnelte in seiner Art den sogenannten Steinsetzungen aus der Keltenzeit. Eine bedeutende Steinsetzung kennen wir zum Beispiel von Stonehenge in England. Vielleicht
sollte durch das Vorhandensein eines solchen heidnischen Symbols im hinteren Teil der Kirche, wie beispielsweise in der Kathedrale von Chartres, dem Gläubigen klar vor
Augen geführt werden, daß nur der, der alles Nichtchristliche hinter sich läßt, das ewige Heil erreichen
könne.
TERREDELASCHOYE. Auch dieser Name muß zunächst wieder zerlegt werden und zwar in folgende Einzelbedeutungen:
"Terre", "de", "la", "Schoye" (Joy). "Terre" bedeutet Erde oder auch Land, "de" und "la" sind Vorsilben, die soviel wie von bedeuten und "Schoye" bzw. "Joy" bedeutet Freude, somit hieße der gesamte Name frei übersetzt "aus
dem Lande der Freude". Wenn man berücksichtigt, daß die früheren Einwohner Frankreichs glaubten, Maria
Magdalena sei nach ihrer Flucht aus Palästina in Frankreich gestrandet und an Land gegangen und habe
den Gral mitgebracht, so versteht man diesen Namen noch besser. Sie stammte nach den Vorstellungen der Menschen
aus dem Heiligen Land, dem Land, von dem es in der Bibel heißt, daß dort "Milch und Honig fließt". So erstaunt es wenig, daß man den Namen Terredelaschoye wählte. Sie ist die Gattin Frimutels, also die Stammutter.der Gralsherren. Interessant ist vielleicht auch, daß sie als Fee bezeichnet wird. Das deutet daraufhin, daß ihr diese
Bezeichnung gegeben wurde, als der altgermanische Glaube noch in seiner vollen Blüte vorhanden war, der voll
von solchen Wunderwesen war, an die man allerdings teilweise auch noch im Mittelalter glaubte und an die man
in den nordischen Ländern oft genug heute noch glaubt.
Wolfram von Eschenbach nahm an, daß Terredelaschoye und Frimutel das Gralsgeschlecht begründeten. In der
ursprünglichen Sage war Terredelaschoye wohl auch die
Bezeichnung für ein Land und kein Personenname.
Terredelaschoye und Mazadan - das war die Bezeichnung für zwei Länder, wie sie gegensätzlicher nicht hätten sein
konnten. Aber auch hier kommt wieder der eigentliche Gralsgedanke voll zur Geltung. Auf der einen Seite das
"Land der Freude" (terre de la Joy), auf der anderen Seite der "Irrgarten" (maze). Inmitten dieser beiden Frimutel. Er irrt zwischen den beiden Ländern hin und her, er ist aber
zu wankelmütig ("freimütig", nicht gefestigt). Er erreicht den Gral nicht. Er steht für die vielen, die zwar das Heil suchen, aber aufgrund ihrer Wankelmütigkeit nicht finden
können. Anders Parzifal. Er irrt zwar auch immer wieder, aber seine Standfestigkeit läßt ihn den Gral erringen. Er repräsentiert die Gläubigen, die trotz aller Anfechtungen im Glauben stark bleiben und so den Gral, das Heil, erringen. Wie oben schon angedeutet, ist hier die Idee des Irrgartens voll ausgebildet. In den damals entstandenen gotischen Kirchen, die offensichtlich nichts anderes sein sollten als der Tempel Salomos, gelangte man zuerst zum Irrgarten,
der sich im hintern Teil auf dem Fußboden befand, dann in den eigentlichen Tempelraum und wenn man diesen durchschritten hatte, zum Allerheiligsten. Man kann es
auch allegorisch sehen: Der Gläubige tritt ein in den Tempel, überwindet im Geiste alle Wirrungen. Er betet zu
den Heiligen, zu Maria und Maria Magdalena und anderen Heiligen und zu Jesus und bittet sie um Beistand. Dann,wenn man genügend vorbereitet und innerlich gereinigt ist, darf man sich dem Allerheiligsten nähern. Und hier kommt der Gedanke Cretiens voll zum Tragen, der im Gral eine Monstranz mit einer Hostie sieht. Wenn der Gläubige im Stadium voller Einkehr und Reinheit ist, darf er am
Abendmahl des Herrn teilnehmen, er darf die Hostie, den Leib Christi in sich aufnehmen. Er vereinigt sich dabei mit dessen Leib. Jetzt ist der Gläubige Teil des Leibes Christi,
wie Paulus es formulierte: er ist der Tempel geworden,nicht Teil eines Tempels, er ist in geheimnisvoller Weise selbst der Tempel. Alle anderen Gläubigen, die die Hostie in Empfang nehmen, sind es auch. Das Mysterium der paulinischen Glaubenslehre besteht genau darin, daß alle
Glieder eins werden, daß alle Tempel ein einziger werden.
Auch im Salomischen Tempel gab es die Dreiteilung des Tempels in Vorhof, Tempelraum und Allerheiligstem.
Diese Praxis übernahmen die Freimaurer. Ein Blick in ihre
Riten lehrt, daß auch sie die Dreiteilung des Tempels im
paulinischen Sinn auffassen.
Von den Tempelrittern wissen wir, daß sie sehr oft den Bau der gotischen Kirchen und Kathedralen finanzierten
und vorantrieben. Sie standen der paulinischen Auffassung vom Tempel Salomos besonders aufgeschlossen
gegenüber. Das verwundert auch nicht, denn sie nannten sich nach dem Tempel des Salomos, unter dessen Fundamenten sie neun Jahre gegraben hatten "Arme
Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel".
MALCREATÜRE. Besonders deutlich wird in diesem Namen die Aneinanderreihung mehrerer Bedeutungen:. "malice"
bedeutet boshaft und "malicous" auch noch heimtückisch, "Creature" heißt Geschöpf. Von Wolfram
von Eschenbach wird der Zwerg mit diesem Namen wirklich als kleines boshaftes Ekel beschrieben. Gawan
packt ihn, wirft ihn vom Pferd, zerschneidet sich aber an den Schweineborsten des Zwerges seine Hände.
Schionatulander.Die Aufgliederung dieses Namens ergibt: "Schiona", "tu und, "lander". Das heißt nichts
anderes als der (Mann) aus dem Lande Schionas (Sion oder Shion). Verständlich wird sofort, was damit gemeint ist, wenn man weiß, daß, als Parzifals auf Sigune traf,diese ihren toten Bräutigam, nämlich Schionatulander, im Arm hielt, der an seinen Wunden gestorben war. Hält man
sich die vielen Darstellungen der "Pieta", der leidenden Mutter Christi, vor Augen, so wird deutlich, warum man hier von dem Mann aus dem Lande Sion, also aus dem Judenlande spricht. In der Ursage war damit
wahrscheinlich auch tatsächlich Christus gemeint.
FEIREFIZ. Dieser Name scheint ebenfalls recht eindeutig zu sein. Die erste Silbe "feire" stammt von Feuer und die zweite von "fizz, was soviel wie zischen bedeutet. Parzifal
kämpfte gegen Feirefiz, der sein Bruder war, wußte dies aber nicht. Er sah den feurigen Glanz über dessen Kopf und hielt ihn für eine "zischende Schlange".
CUNDRIE. Der Name Cundrie