Gral VI


Sicherlich machte man später aus dem Wort Reue, die Parzifal übermannte, die Zauberin Cundrie, die ihn im Gral
aufsuchte und verhöhnte, denn "Contrite" bedeutet im Englischen bereuen oder zerknirschen". Wolfram
beschreibt Parzifal genauso: zerknirscht zog er von dannen. Die Vorsilbe "cun" kann aber auch zudem noch Klugheit bedeuten. Das war sicherlich der Grund, warum man später "Cundrie" (die Reue) als Zaubererin ansah. Denn Zauberer besitzen alle Klugheit der Welt, so dachte man.
ORGELUSE. Dieser Name ist aus "Or" und "geluse" zusammengesetzt. "Or" heißt im Englischen in Verbindung
mit anderen Silben an oder ver. Orgeluse scheint von dem Wort "gloss" abzustammen. Es bedeutet Glanz. Ähnliche Wörter besagen dasselbe, wie zum Beispiel "glory", das Ruhm oder Herrlichkeit bedeutet. Auch "glow", das ähnlich wie "glu" gesprochen wird und glühen bedeutet, könnte in Frage kommen. Danach könnte Orgeluse
bedeuten: die Herrliche oder Verherrlichte, in deren Nähe
man verglüht. Das geschah vielen Männern - Gahmuret und andere opferten sich im Kampf für sie -, bis auf einen: Parzifal. Für ihn stand die Liebe zu Condwiramur höher als ein oberflächliches Liebesabenteur.
GURNEMANZ. Dieser Name besteht aus den Silben "gurne" und "manz". "Guard" bedeutet im Englischen Wächter und "manner(s)" bedeutet Sitten, Art und Weise, also Regeln.Gurnemanz könnte dementsprechend in sprachlicher
Verkürzung "Wächter der Sitten und Regeln" heißen. Als solchen stellt Wolfram ihn auch da. Er ist kundig in der ritterlichen Lebensweise, weiß offenbar über die Turnierregeln bestens Bescheid und weist den jungen
Parzifal in diese ein.
LAPSIT EXCILLIS: (auch L.exillis): Wolfram bezeichnet den Gral als einen mit Wunderkräften ausgestatteten Stein und nennt ihn "Lapsit excillis" oder auch "L. exillis". Lapsit scheint abgeleitet worden zu sein von dem Wort "lapsi", mit dem abtrünnig gewordene Gläubige gekennzeichet wurden. Sicherlich war ursprünglich mit dieser Bezeichnung nicht der Gral gemeint, sondern der Zustand, in dem sich Anfortas befand. Er hatte sich durch seine Taten von Gott abgewandt.
Cyprian, Kirchenschriftsteller, Märtyrer und Heiliger, (* um 200 bis 210) erklärte, daß das "Arzneimittel der Buße" für alle lapsi gelte. In seinem Werk "De lapsis" (249) beklagt er den Abfall so vieler lapsi während der Verfolgung; fügt aber hinzu,
eine Wiederaufnahme sei aber nur nach ernster Buße möglich.
In derselben Situation, in der die lapsis im 3. Jahrhundert n. Christus waren, befand sich in der Gralslegende auch Anfortas, den ich in meinem 2001 erschienenen Buch "Die
Entschlüsselung drei großer Weltgeheimnisse" mit König
Solomo gleichsetze. Er hatte für seine groben Verfehlungen Gott gegenüber Buße zu leisten. Er stand
stellvertretend für sein Volk da.
Das Wort excillis bedeutet vielleicht noch mehr. Im Englischen kennen wir den Begriff "excel", was soviel wie auszeichnen, vortrefflich oder bedeutend heißt. Von "excel" wurde unter anderem Exzellenz abgeleitet. Ein Titel, der König Anfortas alias König Salomo zustand. Manchmal wird der Gral von Wolfram L. exillis genannt.Exillis könnte von "exil" abgeleitet sein, was "außerhalb des Landes" bedeutet.
Für Anfortas - vor allem dann, wenn man in ihm König Salomo sieht - treffen die genannten Bezeichnungen voll und ganz zu.
Er war der Lapsi, der reuevoll zu Gott zurückfinden will und er war gleichzeit als König ein Mann, dem Würde und Vortrefflichkeit zukamen.
Autoren des Mittelalters - und hier
speziell Wolfram von Eschenbach - liebten es, einen Stein, der überall bekannt war, dadurch noch auszuzeichen, daß man seinen Namen veränderte. Beispiele davon gibt es im
"Parzifal" zur Genüge. Der mittelalterliche Autor Albrecht von Scharfenberg erhebt den "Eliotropia" um einer bestimmten Aussage willen über den allseits bekannten
Heliotrop. Das führt natürlich bei der Auslegung heute zu großen Problemen.
Es zeigt sich dabei, daß die Autoren oft nicht aus Gründen der Unkenntnis oder aus Mißvertändnissen heraus die
Verstümmelung bzw. Veränderung der Steinnamen vornahmen, sondern weil sie einen bestimmten Zweck damit verfolgten, der für uns nicht immer erkennbar ist.
Manchmal geschah die Verstümmelung auch nur, um das richtige Versmaß zu bekommen. Ähnliches kommt noch
heute oft genug vor: aus "gegen" wird in der dichterischen
Sprache "gen" usw.
Schauen wir uns den nächsten Satz aus einer sehr alten Schrift an: "Denn der geistige Stein ist Christus, der das All erfüllt; daher sind auch wir Teile des geistigen Steines
und als solche auch lebendige Steine, abgelöst von jenem Universalsteine (petra illa catholica excisi) . . ."
Hier wird der Universalstein erwähnt, lateinisch heißt er "catholica excisi", was sehr an excillis erinnert. Aus dem Zitat geht hervor, daß wir Menschen die lebendigen Steine
im geistigen Stein, der Jesus ist, sind.
Lapsit enthält alle Buchstaben des Wortes Lapis, das Stein
bedeutet. Was lag also näher, als dieses Wort zu verändern,um die erhöhte Bedeutung damit zu kennzeichnen?
Es sieht ganz so aus, als ob Wolfram verschiedene dieser Ausdeutungen kannte und sie eventuell durch eine
Umbennung des Steines herausstellen wollte.
MONTSALVAGE: Dieser Namer kann ohne weiteres mit "Berg der Erlösung" oder "Berg der Errettung" übersetzt werden.