Gral VII
Wolfram von Eschenbach nennt noch viele Namen in seinem Epos. Es ist aber zu bezweifeln, ob man für alle die richtige Bedeutung finden kann. Einige von ihnen scheinen aus anderen Sagen übernommen worden zu sein
und könnten unter Umständen aus exotischen Ländern stammen.
Es scheint aber, daß die von mir vorgestellten Namensdeutungen eine zufriedenstellende Lösung
anbieten. Es ist auf gar keinen Fall so, daß Wolfram oder Cretien die Namen für die handelnden Personen selbst vergeben haben. Sie sind viel älter. Wenn man zum Beispiel das Wort Schiona, das für Sion oder Shion stehen könnte, nimmt, so kommt man nicht umhin, seine Entstehung als sehr alt einzustufen, wahrscheinlich in die ersten Jahrhunderte nach Christus. Denn sicherlich wird
das Wort Schiona oder Schionaland schon sehr bald anderen, moderneren Bezeichnungen für das Heilige Land
gewichen sein. Wir haben feststellen können, daß die Charaktere der
Personen und die Rollen, die sie in der Handlung zu spielen haben, durch die Namensgebung treffend
wiedergegeben werden. Das bedeutet, daß die Geschichte, wie sie uns von Wolfram und Cretien erzählt wird, um
1200 in groben Zügen seit langem fertig war. Denn allein aus den Namen läßt sich beinahe schon eine ähnliche
Geschichte rekonstruieren, wie sie die beiden Dichter uns erzählt haben.
Es ist anzunehmen, daß die Ursage ständig erweitert wurde. Sie beruht im Grunde auf der Darstellung des
himmlischen Reiches bzw. des Reiches Israels. Wie die "Offenbarung" uns zeigt, waren in der Vorstellung beide
Reiche ein und dasselbe. Als die ersten Christen in England und Frankreich auftauchten, brachten sie die Vorstellung des himmlischen Reiches mit seiner Hauptstadt, das "Himmlische Jerusalem", mit. Ob es nun Maria Magdalena mit ihrem Gefolge oder Joseph von Arimathia und seine Begleiter waren, die als erste
Judenchristen westeuropäischen Boden betraten, ist dabei zunächst unerheblich.
Die germanisch-keltische Einwohnerschaft erfuhr dabei
zum ersten Mal, daß es ein himmlisches Reich gibt, in dem
Gott-Vater, der heilige Geist und der Menschensohn residieren. Durch die Offenbarung des Johannes wurde es
ihnen nahegebracht. Da saß der "Alte" auf seinem Stuhl und auch der Menschenssohn, umgeben von den vier
Evangelisten und den vierundzwanzig Ältesten. Daneben standen die Erzengel und wachten über die Einhaltung der Ordnung. In der Hauptstadt dieses Reiches, im
"Himmlischen Jerusalem", gab es die beiden großen Könige Israels, David und seinen Sohn Salomo. Das Reich
Israel befand sich zuerst noch in einem unvollkommenen Zustand, hervorgerufen durch die Sündhaftigkeit seiner Könige, besonders durch die des Salomos. Doch dann kam die Erlösung; sie geschah durch das Wort, durch den
Logos, wie es geschrieben stand. Dieses Wort war Christus selbst. Er erlöste die Menscheit und damit das ganze Reich Israel von den Sünden. Das war die Botschaft, die von der
Offenbarung ausging.
Gleichzeitig erfuhren die "Heiden", daß es jedem Menschen möglich sei, in dieses himmlische Reich zu
gelangen. Wie? Indem man beharrlich auf dem rechten Weg bleibt und trotz aller Versuchungen und Wirrnisse
immer das Ziel im Auge behält. Parzifal war in diesem Sinn der Prototyp des suchenden und beharrlichen Menschen. Er machte sich auf den Weg, um zu Gott zu gelangen. Immer wieder kam er vom Weg ab. Doch überall standen ihm Helfer zur Seite. Zuerst trifft er auf einen
Ritter (Gurnemanz). Von ihm erfährt er, auf welche Art und Weise er sein Ziel erreichen kann. Dieser Ritter war
ursprünglich wahrscheinlich nichts anderes als ein Priester,ein Mönch, der Suchende in die christlichen Lehren einweist. (Bei Wolfram und bei anderen wurde er später ein Ritter, der der Wächter der Sitten und Regeln war.)Dabei erfährt Parzifal von Petrus, dem Fischer, der Jesus
nachfolgte (Die Sage stellt ihn als "Fischerkönig"dar.)Durch ihn erkennt er erneut seinen Weg, den Weg in das Himmelreich. Vor den Augen Parzifals ersteht das "Himmlische Jerusalem". Er sieht die Könige, das Schwert,die herrliche Ausstattung. Doch noch hat er nicht den
rechten Glauben, um schon jetzt dieses Reiches teilhaftig werden zu können. Ungerührt verläßt er in Gedanken die Himmelsburg.
Parzifal verliert immer mehr die Oientierung und kommt schließlich ständig vom rechten Weg ab. Er wendet sich Maria zu. Er bittet sie und ihren gekreuzigten Sohn um
Hilfe. (In späteren Erzählungen wird aus Maria Parzifals Schwester Sigune, die Wegweiserin, die einen toten Mann
im Arm hält und beweint). Er erkennt, daß er falsch gehandelt hat.
Parzifal hört von der Abendmahlshandlung und wird
irgendwo Zeuge einer solchen. Er möchte teilhaben an dieser Gemeinschaft. Doch irgendwie hindert ihn die Reue daran, die er durch Marias Trauer und durch das Leiden
Jesu, das er kennengelernt hat, nunmehr empfindet. Er glaubt, nicht würdig zu sein, am Abendmahl teilnehmen zu dürfen. (Die Abendmahlshandlung wird in späteren Zeiten durch die Ritterrunde des Königs Artus ersetzt. Hier wie
dort sitzen 12 Männer um ihren Herrn.)
Gleichzeitig wird die Reue in der weiteren Ausschmückung der Sage personifiziert (sie wird zur
Zauberin Cundrie). Zerknirscht, wie es der Name Cundrie auch ausdrückt, sucht Parzifal weiter und wendet sich
erneut Maria zu. (In der späteren Sage trifft er ein zweites Mal auf Sigune.)
Parzifal bereut seine Fehler und nimmt einen neuen Anlauf, um zum Heil zu gelangen. Doch noch immer ist er
nicht reif genug im Glauben (ein Zeichen dafür, daß der Mensch nicht aufhören darf, für seinen Glauben zu leben und zu streiten). Erst muß er noch die Gottlosigkeit in
Gestalt des Heiden Feirefiz und anderer besiegen, ehe er endgültig sein Ziel erreicht. Vorher erfährt er eine Neubelebung seines Glaubens; dieser gedeiht wie nie zuvor. (In der späteren Sage wird dieses gute Gedeihen ebenfalls personifiziert und in der Gestalt Trevrizent sichtbar gemacht, wie es u. a. aus dessen Namen
hervorgeht). Parzifal erkennt, daß Gott Gnade walten läßt und Fehler verzeiht. Nun endlich kann er in den Besitz des Heils, des Grals kommen.
Daß Parzifal seine Muterr verlassen mußte, die kurz danach starb, heißt nichts anderes, als daß die zu
Bekehrenden alles hinter sich lassen müssen, wenn sie gute Christen werden wollen, gemäß der Handlungsweise des
Petrus, der alles liegen und stehen ließ, um Jesus zu folgen.
Sicherlich hätte man die Gralssage seit langem so gedeutet,wie es hier geschehen ist. Denn die Erklärung klingt logisch und dem Denken der damaligen Menschen gemäß. Doch ein Umstand wurde Anlaß zu Fehldeutungen,
nämlich der, daß geschrieben stand, daß die Erlösung Israels bzw. der ganzen Menschheit durch ein "Wort"
geschehen wird. Nur wenige Menschen wußten in all den Jahrhunderten, was mit dem "Wort" gemeint war. Die
meisten Mönche und Priester konnten nicht lesen und schreiben und erst recht kein Latein. Aber da die Bibel und Lehrmeinungen nur in dieser Sprache vorlagen, wurde nur
das weitergegeben, was man vom Hörensagen wußte. So kam es schließlich, daß man das "Wort", das ja eigentlich Jesus als "Logos", als "Erlöser" darstellte, als Frage
auffaßte. In der späteren Fassung der Sage wurde Parzifal,der eigentlich der beharrlich Suchende war, wie dies
eindeutig aus seinem Namen hervorgeht, die Rolle des Erlösers zugeschrieben. Er hatte die entscheidende Frage zu stellen, um Anfortas die Siechheit zunehmen und somit die Erlösung herbeizuführen.
Dieser Irrtum der späteren Ausleger der Sage war es, der die Gralslegende so geheimnisvoll erscheinen ließ.