Gral VIII
Schon bald wurde der Gral als Kelch oder Schale dargestellt. Alle diese Darstellungen entbehren jeder Grundlage, weil nämlich über diesen "geheimnisvollen Gegenstand"
nirgendwo etwas Genaueres überliefert ist. Wenn man meiner Exegese folgt, kann es auch keine nähere Erklärung
geben, da Gral im Sinn der Legende das "Suchen nach dem Heil" bedeutet. Jesus ist dabei der Heiland. Wahrscheinlich läßt sich das Wort Gral aus sich selbst heraus erklären. Im Englischen kennen wir das Wort "gradua", aus dem
Spanischen kommt "graduale" und aus dem Deutschen "graduell".
Alle diese Wörter kennzeichnen ein und dasselbe: sie bedeuten stufenweise oder allmählich. Auf die
Gralslegende bezogen heißt das: die rechte Erkenntnis Parzifals (im übertragenen Sinne auf die Menscheit
bezogen) geschieht stufenweise bzw. allmählich. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß in sprachlicher Verkürzung aus den genannten Wörtern der Begriff "Gral" wurde. In
der Tat eine gute Bezeichnung für das Erwachen und Fortschreiten des Glaubens im Menschen. Nach der
Errettung, dargestellt durch den Berg Montsalvage (Berg der Erlösung), erfolgt der Lohn, das ewige Leben in
Christus, so wie es sich Paulus vorgestellt hatte..
Aus dem bisher Gesagten ist zu ersehen, daß der Inhalt der Gralslegende wenig oder gar nichts mit den Tempelrittern zu tun hat, wie dies immer wieder behauptet wird.
Es ergeben sich notwendigerweise hier und dort Berührungspunkte, die aber aus der zeitlichen Nähe und
den daraus entstehenden Umständen erklärbar sind.
Beides, die Gralslegende und die Überlieferungen der Tempelritter hatten jedoch Einfluß auf später gegründete Gemeinschaften. Das gilt insbesondere für die Freimaurerlogen.
Die Gralslegende ist letztlich eine Fortsetzung der Bestrebungen, die im frühen Mittelalter begannen, neue
Menschen zu formen.
Wir erinnern uns: Nur derjenige, welcher in der Lage ist, in sich seinem höheren Selbst einen Tempel zu errichten,wird sich im Allerheiligsten am Altar wiederfinden.
Einen solchen "Tempel" hatte Juan de Atarés in der Einsamkeit in der Nähe von Sanitiago de Compostela vollendet
- äußerlich in Gestalt der Kapelle des Täufers, der einst in der Wüsteneinsamkeit "dem Herrn einen Weg bereitete" (Mk. 1,3), innerlich durch die Geburt seines höheren
Selbst.
Die Höhle von S. Juan wird von der Legende somit als Ort geschildert, dessen Bewohner Vertreter einer geistigen Strömung waren, die das Mysterium der Verwandlung des
Menschen besonders pflegten. von hier aus gelangte der Gedanke über die Gralslegende in die ganze Welt.
In meinem Buch "Die Entschlüsselung drei großer Weltgeheimnisse" beschreibe ich eingehend welche Auswirkungen der Gralsgedanke auf die europäische Geschichte möglicherweise gehabt hat. Weiter werden in diesem Buch die geistigen Beziehungen zwischen dem heiligen Gral und der sich bildenden europäischen Staaten erläutert.
Copyright Bernard Lubinski 2003
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